Erzähltes und Erlebtes Menschen sind Konstrukte ihrer Erfahrungen. Daher ist es in großer Unterschied , ob mir etwas nur erzählt wurde oder ob ich etwas erlebt habe. Und natürlich ist es entscheidend, wer mir etwas warum erzählt hat...
Ich erinnere mich noch zumindest in groben Zügen, was uns in der Schule über das Dritte Reich erzählt wurde. Ich habe selbst erlebt, dass ich eine schlechte Note in einer Klassenarbeit bekommen habe, weil ich in meinen Ausführungen erklärte, dass die Nationalsozialisten Sozialisten waren, also "Linke". Ich bekam eine schlechte Note. Als ich bei der Besprechung auch noch mal nachhakte, weil mir das Ganze mit den Rechten Sozialisten nicht plausibel war, bekam ich zusätzlich noch einen Eintrag ins Klassenbuch für eine freche Bemerkung...
Beim Schüleraustausch in England wurde ich Anfang der 1970er Jahre im Bus als Nazi betitelt. Alle Deutschen seien Nazis, warf man mir an den Kopf. Und ich war nun mal Deutsche, eine Deutsche im Ausland...
So meine Erfahrungen. Ich hatte als Kind die Möglichkeit, diese Erfahrungen mit einer Zeitzeugin zu besprechen. Es war Hildegard Hamm-Brücher. Und sie erklärte mir, dass ich für diese Vergangenheit nicht verantwortlich sei, dass ich aber verantwortlich sei für die Zukunft und dass so etwas nie wieder geschehen dürfe... Dieses Gespräch war dann wiederum eine Erfahrung, die mich geprägt hat.
Bis heute haben "wir" unsere fatale Geschichte nicht aufgearbeitet. Die Gründe dafür erkennt Ihr in den Videos von Bodo Schiffmann. "Warum Deutschland seine Geschichte nicht aufarbeitet."
https://t.me/WarumDeutschlandSeineGeschichte/272 Bei dieser Videoreihe handelt es sich um Erzählungen, die in ihrer Art erlebbar gemacht werden. Es ist ein Unterschied, ob ich mir einfach ein Video anschaue (Erzählung) oder ob ich erlebe, wie mir jemand dieses Video erklärt. Ein Video bleibt dabei ein Video. Denken muss trotzdem jeder selbst.
Meine therapeutische Ausbildung und Arbeit befasste sich auch mit der Thematik Trauma. In der Ausbildung wurde mir als Erzählung vermittelt, was ein Trauma ist, wie es entsteht und wie es sich auswirkt. In der Prüfung wurde dieses "Wissen" abgefragt . Über die "Tatsache", dass und wie diese Traumata weitergegeben werden können auf Kinder und Enkel, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen.
Erfahrbar und erlebbar waren für mich dann wieder die traumatisierten "Klienten". Und die machten es mir wieder vorstellbar, dass ein Trauma sehr wohl in gewissen Rahmen weitergegeben werden kann. Was bedeutet, dass nicht nur die "Kriegskinder" des Dritten Reiches traumatisiert sind, sondern auch deren Kinder und Kindeskinder noch etwas von diesem Trauma in sich tragen können.
Ein traumatisierter Mensch entwickelt psychische Schutzmechanismen, die ihn davor bewahren, dieses traumatisierende Erlebnis immer wieder angetriggert zu bekommen. Das könnte ein weiterer Grund dafür sein, dass die Deutschen ihre Geschichte immer noch nicht aufgearbeitet haben. "Man" will "es" einfach nicht mehr wissen.
Wer diese Videos vom Bodo Schiffmann noch nicht gesehen hat, dem empfehle ich sie. Denn zu unserer Geschichte gibt es noch sehr viel aufzuarbeiten.